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Handelssystem sabotieren: Das gefährlichste Bauteil bist du

2. Okt.
7 Min. Lesezeit

Du kannst ein sauber getestetes, profitables System haben, egal ob automatisiert oder mit festen Regeln von Hand gehandelt, und trotzdem Geld verlieren. Nicht weil das System versagt, sondern weil du ihm dazwischenfunkst. Hier sind die 5 Handgriffe, mit denen Trader ihre eigenen Systeme kaputt machen, und die eine Regel, die dir sagt, wann du die Finger davon lässt und wann du wirklich eingreifen darfst.


Lieber lesen als schauen? Der komplette Inhalt steht unten.

Der Moment, den jeder kennt

Es ist Donnerstagabend. Dein Bot ist seit 2 Stunden in einem Trade und liegt 80 Euro im Plus. Eigentlich wolltest du gar nicht draufschauen, aber jetzt schaust du doch. Und da ist dieser Gedanke: Nimm die 80 Euro mit, bevor sie wieder weg sind. Dein Daumen liegt schon auf dem Schließen-Button.


Kommt dir bekannt vor? Genau in dieser Sekunde entscheidet sich, ob du dein System handelst oder es nur besitzt. Und das gilt egal, ob du Aktien, CFDs oder Futures handelst.


Die 5 Handgriffe, die dein Handelssystem kaputt machen

Fangen wir mit dem Katalog an. Das sind die 5 Handgriffe, mit denen du jedes System kleinkriegst.


Handgriff 1:

Abschalten im Drawdown

3 Verluste in Folge, und der Finger wandert zum Aus-Schalter. Das System hat nichts falsch gemacht. Es hat einfach eine Verlustserie, wie sie in jedem Backtest vorkommt.


Handgriff 2:

Parameter ändern oder gleich die ganze Strategie wegwerfen

Nach Verlusten drehst du an den Parametern. Oder, die Steigerung davon: Du wirfst gleich die ganze Strategie über Bord. 3 Wochen Drawdown, und plötzlich sieht das nächste System viel besser aus, weil es gerade eine gute Phase hat. Das nennt sich Strategy Hopping.


Das Muster dahinter ist immer dasselbe. Du steigst bei der alten Strategie am Tiefpunkt aus und bei der neuen auf dem Hoch ein. Dann kommt deren Drawdown, und das Spiel geht von vorne los. Genau das ist der Handgriff, der dein Kapital Stück für Stück einreißt. Bei den Parametern fühlt sich das an wie Lernen, ist aber nur Rückspiegel-Optimierung. Beim Strategiewechsel fühlt es sich an wie Konsequenz, ist aber nur Flucht.


Handgriff 3:

Gewinne von Hand schließen

Du nimmst den Gewinn mit, bevor das System aussteigt. Oder du ziehst den Stop viel zu früh auf Break-even, damit dir bloß nichts mehr zurückkommt.


Handgriff 4:

Risiko hochdrehen nach einer Gewinnserie

Es läuft gerade so gut, also darf es ruhig ein bisschen mehr sein. Genau dann, wenn du dich am sichersten fühlst, erhöhst du den Einsatz.


Handgriff 5:

Signale rauspicken

Die Trades, die sich gut anfühlen, nimmst du mit, und die anderen lässt du aus. Damit handelst du nicht mehr die Signalfolge, die getestet wurde, sondern eine Auswahl nach Gefühl.


Jeder einzelne dieser Handgriffe fühlt sich im Moment vernünftig an. Und genau das macht sie so gefährlich.


Warum das deine Statistik zerstört

Dein System hat seine Zulassung nicht von deinem Bauchgefühl bekommen. Es hat sie aus einem Backtest über viele Jahre, aus einem Out-of-Sample-Test und aus einer Monte-Carlo-Simulation. Und alle diese Tests hatten eine gemeinsame Bedingung: Da konnte niemand eingreifen. Der Backtest hat jede Verlustserie stumpf durchgehandelt. Er hat jeden Gewinner bis zum regulären Ausstieg laufen lassen. Genau daraus ist die Statistik entstanden, wegen der du dem System überhaupt vertraust.


Sobald du live eingreifst, handelst du nicht mehr dieses System. Du handelst ein neues, ungetestetes System, nämlich dich selbst. Und für dich als System gibt es keinen einzigen Backtest.


Das gilt genauso, wenn du dein Regelwerk von Hand handelst. Ein Setup mit festen Einstiegs- und Ausstiegsregeln ist ein System, auch ohne Bot. Sobald du beim Ausstieg „ausnahmsweise" anders entscheidest, handelst du nicht mehr dein Setup, sondern deine Laune.


Ein hypothetisches Beispiel

Nimm ein System mit 45 % Trefferquote, dessen Gewinne im Schnitt doppelt so groß sind wie seine Verluste. So ein System verbringt einen großen Teil seiner Zeit in Drawdowns, und trotzdem zeigt die Kurve über die Jahre nach oben.


Jetzt bau den typischen Eingriff ein: nach 3 Verlusten abschalten, und erst wieder einschalten, wenn es sich sicher anfühlt. Damit bist du in den Verlustphasen voll dabei und verpasst regelmäßig den Anfang der Erholung. Und die Erholung ist in diesem Beispiel genau die Phase, in der das Geld verdient wird. Aus derselben Strategie werden so 2 völlig verschiedene Kurven.


Kennzahlen des hypothetischen Beispiel-Systems. 45 Prozent Trefferquote. Durchschnittsverhältnis Gewinn zu Verlust von 2 zu 1. Abschaltung nach 3 Verlusten in Folge als typischer Sabotage-Handgriff.
Ein System, das langfristig verdient, kann durch drei Verluste in Folge scheinbar unwiderruflich falsch aussehen.

 Was dieses Beispiel ist und was nicht

Das Rechenbeispiel ist hypothetisch. Es zeigt einen Mechanismus, keine Rendite: Wer in der Verlustphase dabei ist und die Erholung verpasst, bekommt aus derselben Strategie eine schlechtere Kurve. Wie viel schlechter, hängt von der einzelnen Strategie ab. Keine der Zahlen hier ist eine Aussage darüber, was ein System in Zukunft verdient.


Warum wir trotzdem eingreifen

Wenn das so klar ist, warum machen wir es dann trotzdem? Weil unser Kopf für die Börse falsch verdrahtet ist. Und dafür gibt es erstaunlich harte Belege.


Beleg 1: Verluste wiegen doppelt

Ein Verlust schmerzt ungefähr doppelt so stark, wie ein gleich großer Gewinn Freude macht. Das haben die Psychologen Kahneman und Tversky gezeigt. Deshalb willst du die 80 Euro vom Donnerstagabend unbedingt in Sicherheit bringen. Du optimierst in diesem Moment nicht deine Rendite, du optimierst dein Gefühl.


Beleg 2: Gewinner zu früh raus, Verlierer zu lange drin

Der Finanzforscher Terrance Odean hat 10.000 echte Depots ausgewertet. Das Ergebnis: Anleger verkaufen ihre Gewinner systematisch zu früh und halten ihre Verlierer zu lange. Und die verkauften Gewinner liefen danach im Schnitt besser als die behaltenen Verlierer. Der Drang, Gewinne von Hand zu schließen, ist also nicht nur ein Gefühl. Er ist messbar teuer.


Beleg 3: Der Torwart, der lieber springt

Der dritte Beleg ist Alex' Lieblingsbeispiel, denn er kommt vom Fußball. Forscher haben 286 Elfmeter aus Top-Ligen ausgewertet. Statistisch wäre es für den Torwart am besten, einfach in der Mitte stehen zu bleiben. Stehenbleiben brachte eine Stoppquote von rund 33 %, Springen nur 13 bis 14 %.


Und trotzdem sind die Torhüter in 94 % der Fälle gesprungen. Warum? Weil sich ein Gegentor nach Nichtstun schlimmer anfühlt als nach einem Sprung. Der Torwart springt nicht, weil es besser ist. Er springt, weil es weniger weh tut, wenn es schiefgeht.


Auswertung von 286 Elfmetern aus Top-Ligen. Stoppquote beim Stehenbleiben rund 33 Prozent. Stoppquote beim Springen nur 13 bis 14 Prozent. Torhüter sprangen trotzdem in 94 Prozent der Fälle.
Die Statistik sagt Stehenbleiben, das Gefühl sagt Springen. Und das Gefühl gewinnt fast immer.

Genau dieser Torwart bist du, wenn du in dein laufendes Handelssystem eingreifst. Du springst, weil Stillhalten unerträglich ist.


Dein Bauch ist das Innenohr im Nebel

Piloten kennen dieses Problem übrigens auch, nur mit deutlich höherem Einsatz. Wer ohne Sicht durch Nebel oder Wolken fliegt, bekommt nach kurzer Zeit ein völlig falsches Körpergefühl. Das Innenohr meldet eine Schräglage, die es gar nicht gibt. Wer dann nach Gefühl gegensteuert, zieht die Maschine in eine Spirale. Deshalb lernt jeder Pilot von Anfang an: Im Blindflug zählt nicht dein Gefühl, sondern ausschließlich das Instrument.


Dein Backtest, dein Out-of-Sample-Test und deine Monte-Carlo-Simulation sind genau das: deine Instrumente. Und ein Drawdown ist dein Nebel. Mittendrin fühlt sich alles falsch an, und dein Bauch schreit, dass du sofort eingreifen musst. Aber dein Bauch ist das Innenohr im Nebel. Er lügt.


Die Eingriffs-Regel

Heißt das jetzt, du darfst niemals eingreifen? Nein. Es heißt, du brauchst eine Regel dafür.


Diese Regel kommt aus der Monte-Carlo-Simulation. Die Simulation würfelt die Reihenfolge deiner Trades tausendfach neu und zeigt dir, was dein System im schlechtesten realistischen Fall abliefert. Daraus bekommst du 3 Werte:


→ den maximalen Drawdown,

→ die längste Verlustserie,

→ die längste Durststrecke ohne neues Hoch.


Zusammen ergeben sie deinen Worst-Case-Korridor. Solange dein System innerhalb dieses Korridors läuft, ist alles im Plan, auch wenn es sich schrecklich anfühlt. Ein Drawdown innerhalb des Korridors ist kein Fehlersignal. Er ist eingepreist, und du kanntest ihn schon vor dem ersten Trade.


Warum Strategy Hopping so absurd ist

Wenn deine Historie über viele Jahre zeigt, dass ein Drawdown völlig im Rahmen des Erwartbaren liegt, warum solltest du die Strategie dann verwerfen und zur nächsten springen? Es gibt keine Strategie ohne Drawdowns. Die hat noch niemand gebaut. Was es gibt, ist die Möglichkeit, den Drawdown abzufedern, indem du mehrere Strategien kombinierst, die nicht gleichzeitig in ihre Schwächephase laufen. Das ist Diversifikation. Springen ist keine.


Wann du eingreifen darfst

Eingreifen darfst du erst, wenn das System außerhalb dieses Korridors läuft. Also wenn der Drawdown tiefer wird als alles, was die Simulation je gezeigt hat, oder die Verlustserie länger. Erst dann hast du einen echten Hinweis, dass sich etwas Grundsätzliches verändert hat. Das ist der einzige objektive Auslöser. Nicht dein Gefühl, nicht dein Kontostand und nicht 3 rote Tage in Folge.


Für diesen Fall liegt dein Plan B schon in der Schublade. Schriftlich, festgelegt vor dem ersten Live-Trade:


→ System stoppen.

→ Ursache analysieren.

→ Eine von 2 Entscheidungen treffen: reparieren oder ersetzen.


Wer sich den Plan B erst im Ernstfall überlegt, entscheidet wieder emotional. Und genau da wolltest du ja raus.


Die älteste Lösung der Welt

Die Menschen kennen dieses Problem seit fast 3.000 Jahren, und die beste Lösung steht schon bei Homer. Odysseus wusste, dass er dem Gesang der Sirenen nicht widerstehen kann. Auf seine Willenskraft wollte er sich dabei gar nicht erst verlassen. Also hat er sich an den Mast binden lassen und seiner Mannschaft die Ohren verstopft, bevor die Sirenen überhaupt zu hören waren. Er hat kein Vertrauen in seine Disziplin gesetzt. Er hat ein System gebaut, das Eingreifen unmöglich macht.


Genau das ist deine Eingriffs-Regel. Du legst sie fest, solange du ruhig bist, damit sie dich hält, wenn du es nicht mehr bist.


Jesse Livermore, einer der berühmtesten Spekulanten aller Zeiten, hat es so gesagt: „Es war nie mein Denken, das mir das große Geld verdient hat. Es war immer mein Sitzenbleiben." Und im selben Buch steht der Satz, der dieses ganze Thema zusammenfasst: „Der Markt schlägt diese Trader nicht. Sie schlagen sich selbst, weil sie nicht stillsitzen können."


Kurz zusammengefasst

Die Ironie am automatisierten Handeln ist am Ende diese: Die Maschine ist das disziplinierte Teammitglied, und das Risiko im System bist du. Wenn du manuell handelst, ist dein Regelwerk diese Maschine. Es hat sich die Statistik verdient, nicht dein Bauch.


Deine Aufgabe ist nicht, klüger zu sein als dein Bot. Deine Aufgabe ist, ihm nicht im Weg zu stehen, solange er innerhalb seines Korridors läuft.


Und jetzt sei ehrlich: Welchen der 5 Handgriffe hast du selbst schon mal gemacht? Schreib die Nummer unter das Video in die Kommentare. Alex liest da wirklich alles.


Kenn deinen Korridor, bevor der Nebel kommt

In der kostenlosen Mitgliedschaft siehst du die Backtests und Kennzahlen der Portfolios selbst. Schau dir an, welche Drawdowns dort eingepreist sind, bevor du den ersten Trade machst.







Bis dann!

Alex & das Kaspareit-Trading-Team


Datengrundlage: Verlustaversion nach Kahneman und Tversky. Depotauswertung von Terrance Odean, „Are Investors Reluctant to Realize Their Losses?", Journal of Finance, 1998, mit 10.000 Depots. Elfmeterstudie mit 286 Elfmetern aus Top-Ligen. Das Rechenbeispiel mit 45 % Trefferquote ist hypothetisch und dient nur der Veranschaulichung.


Hypothetische Backtestergebnisse. Alle gezeigten Rechnungen und Kurven sind hypothetische Beispiele. Vergangene Performance ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Dies ist keine Anlageberatung. Setze nur Geld ein, dessen Verlust du verkraften kannst. CFDs sind komplexe Instrumente und bergen ein hohes Risiko, schnell Geld zu verlieren. 75 % der Kleinanlegerkonten verlieren Geld beim CFD-Handel. Überlege sorgfältig, ob du die Funktionsweise von CFDs verstehst und ob du es dir leisten kannst, das hohe Risiko einzugehen.

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